15. März 2010

„Wirtschaftliche Probleme kann es bei jedem geben. Was zählt, sind die Fähigkeiten, die man braucht zu überleben“, sagt Herr M., der uns folgendes Interview zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat. Er erzählt, wie es bei ihm zur Entscheidung des Insolvenzverfahrens gekommen ist und das erste Jahr erlebt hat.

R: Guten Tag Herr M. Schön, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Wie sind Sie denn auf unsere Initiative aufmerksam geworden?

M: Vielen Dank für die Einladung dazu. Ich war vor kurzem seit langer Zeit mal wieder in der Kanzlei bei Dr. Maus zu Besuch. Mein Kontakt zu ihm besteht, seit ich 1999 sein allererster Insolvenzfall in Bad Kreuznach gewesen bin (s.u. Anm. 1). Und da hat er mir von Ihrem Verein erzählt und mich eingeladen als ehemaliger Betroffener in der Mittwochabend Gruppe mal über meine Entwicklungen und Erfahrungen während und nach meinem Insolvenzverfahren zu erzählen.

R: Ja, jetzt waren Sie schon zweimal Gast bei unseren Veranstaltungen. Wie ging es Ihnen damit, diesen z.Zt. noch von der Insolvenz betroffenen Menschen zu begegnen?

M: Meine Insolvenz liegt ja nun schon einige Zeit zurück und mir und meiner Familie geht es wieder richtig gut. Zu hören und zu erleben, wie sehr die Teilnehmer leiden hat mich sehr betroffen gemacht, mich in meine ersten schlimmen Jahre des Insolvenzverfahrens zurückversetzt. Ich habe dann natürlich versucht, gleich zu erzählen, wie wir diesen Ausnahmezustand überlebt haben und hoffe sehr, dass dies den Betroffenen ein wenig geholfen hat.

R: Mein Eindruck war, dass dies gut gelungen ist. Es gab eine ganze Menge interessierter Nachfragen und die positive Energie, die Sie mit Ihrer Art zu erzählen in den Raum gebracht haben,  hat allen gut getan. Sie haben erlebbar gemacht, dass es die Zeit nach einem Insolvenzverfahren tatsächlich gibt. Haben Sie Ihren Optimismus, der ja jetzt so deutlich spürbar ist, während Ihrer Insolvenzzeit halten können?

M: Nein, den habe ich mir immer wieder zurück holen müssen. Es war gar nicht so leicht auch die positiven Dinge neben all dem schlimmen Erleben noch wahr zu nehmen. Geholfen hat mir dabei häufig der Zufall. Heute sag ich schon manchmal, dass zu einigen Zeitpunkten in dieser schweren Zeit mir auch das Glück in die Hände gefallen ist.

R: Welch schöner Satz. D.h., Sie haben Ihre Fähigkeit behalten, auch auf das zu schauen, was gut in der Zeit gelaufen ist. Gibt es noch weitere Titel, die Sie diesem Lebensabschnitt Ihrer Insolvenzzeit im Rückblick heute noch geben würden?

M: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Es sind so unglaublich viele Bereiche. Das eigene Selbstverständnis, Familie und Partnerschaft, Gesundheit. Eigentlich alle Lebensbereiche, die betroffen waren. Mein Vater hatte ein Motto, der hat geboxt und immer gsagt: Du kannst 10 mal zu Boden gehen, du musst halt dann das 11. mal auch wieder aufstehen. Vielleicht passt auch: Erkennen, was wichtig ist im Leben.

R: Was meinen Sie genau damit? Was ist heute der Unterschied für Sie von vorher und nachher?

M: Bis klar wurde, dass meine Firma nicht mehr zu halten ist, hatte ich ein glückliches Leben gelebt. Meine Zufriedenheit hatte ich hauptsächlich aus dem beruflichen und wirtschaftlichen Erfolg meiner Selbstständigkeit gezogen. Es war alles so normal. Ich hatte meine Familie, mein Haus, meine Firma, meine Gemeindetätigkeit. Und dann kam der freie Fall….

R: …. Sie halten inne. Das Erleben ist gerade wieder da?

M: Ja klar, dass vergisst man nicht.

R: Herr M. ich könnte mir vorstellen, dass unsere Leser es interessiert, was Sie alles bewältigen mussten und wie Ihnen dies gelungen ist. Ich hätte die Idee, dass wir vielleicht ganz chronologisch Ihre Insolvenzgeschichte mal skizzieren?

M: Ja, das ist ok. Soll ich erst einmal erzählen, wie es überhaupt dazu kam?

R: Das ist eine gute Idee.

M: Mein Vater war auch schon selbstständig mit einer kleinen Firma, doch bevor ich  mich für diesen Weg entschließen konnte, habe ich zunächst 20 Jahre im Angestelltenverhältnis gearbeitet. Ich hatte eine Lehre gemacht und mich in dieser Firma bis zum Abteilungsleiter hochgearbeitet. Dann die Firma gewechselt und dort auch Leitungsfunktion übernommen. In meiner freien Zeit war ich schon immer am liebsten im Wald, vor allem um Kamin und Brennholz zu machen. Auch für meine Schwester, Eltern, Nachbarn. Und so fing alles an. Plötzlich hatte ich immer mehr Interessenten, die Holz für ihre Öfen brauchten. Dann kam mir noch ein großer Sturm zur Hilfe, der Wald lag voller Holz, dass heraus geholt werden musste. Die Forstverwaltung hatte einen riesen Posten Holz zu vergeben und machte mir einen guten Preis bei Abnahme. Damit hatte ich plötzlich zwei Jobs. Von 6.00 – 14.00 Uhr als Angestellter, danach selbstständig, als Kleinunternehmer in der Holzwirtschaft. Es hat sich gelohnt weiter verarbeitende Maschinen anzuschaffen und aus einer Konkursmasse, den Begriff Insolvenz gab es damals ja noch nicht, einen 10 Jahre alten LKW zu kaufen. 1994 haben meine Frau und ich uns dann zusammengesetzt und lange über den möglichen Schritt in eine komplette Selbstständigkeit geredet. Am Ende hatten wir  beschlossen, dieses Risiko einzugehen.

R: Das hört sich nach unglaublich viel und harter Arbeit an.

M: Die ersten Jahre in meinem eigenen kleinen Transportunternehmen liefen halt super gut und der Erfolg und die Arbeit hatten mir Recht gegeben und jeden Tag Spaß gemacht. Ich hatte sehr viel zu tun, konnte Mitarbeiter und Hilfskräfte einstellen und habe selbst auch noch ganz viel im Tagesgeschäft mitgearbeitet. Ob eine Vergrößerung der Firma bei der bestehenden Wirtschaftslage noch Sinn macht, dafür hatte ich dann irgendwann den Blick verloren. Leider hatte ich mich mit der Entscheidung für einen weiteren neuen LKW verkalkuliert und die dafür nötige Finanzierung hat mich letztendlich erdrückt.

R: Und jetzt sind wir an dem Punkt, den Sie vorhin mit freien Fall bezeichnet haben?

M: Hier fangen für mich die wirklich sehr schlimmen Erlebnisse an.
Tote Zeiten setzten ein. Der Umsatz hat einfach nicht mehr gereicht für die laufenden Kosten. Die Bank hat erst zugeschaut, dann radikal reagiert. Sie hat die laufenden Kosten nicht mehr übernommen. Umfinanzierungen, und andere Versuche Geld zu beschaffen brachten nichts mehr. Irgendwann war der Hahn einfach zu. Dann kam der schwere Weg, der erste Termin mit all unseren Unterlagen bei Dr. Maus. Nach seiner Sichtung wurde immer mehr klar, dass ein Insolvenzverfahren die letzte Möglichkeit ist.

R: Wie haben Sie darauf reagiert?

M: Bei den wichtigen Gesprächen mit der Bank manchmal mit einem regelrechten inneren Zusammenbruch. Sprachlosigkeit, das Gefühl erdrückt zu werden, nichts ging mehr. Mich selbst so zu erleben, mich so tief am Boden zu sehen war die Hölle. Es war, als ob ich plötzlich meine Selbstbestimmung völlig abgeben musste. Die Bank diktierte mir jeden nächsten Schritt, den ich zu tun hatte. Ein viertel Jahr lang unterlagen wir der Postsperre. Unsere Post kam erst bei uns an, wenn sie vorher in der Kanzlei durchgesehen und sortiert war. Auch wenn dabei die private Post natürlich unangetastet, aber mit Zeitverzögerung, bei uns ankam, empfanden wir dies, neben der finanziellen Kontrolle als massive Verletzung unserer Intimsphäre.

R: Damit war dann Ihre Familie noch direkter mit betroffen?

M: Oh ja. Und ich kann mich noch gut daran erinnern, wie sehr meine Frau gelitten hat, als unser Haus wegging. Fremde Menschen kamen zur Besichtigung und gingen durch unser bisheriges Leben. Unsere Türen auf machen zu müssen hat uns sehr beschämt. Das möchte ich nie wieder erleben.
Das war zunächst wie das Ende unserer Zukunft. Unser ganzes Lebensmodell brach scheinbar zusammen. Wobei dies natürlich gar nicht gestimmt hat. Wir sind sehr nah zusammengerückt in dieser Zeit. Die vielen intensiven Gespräche mit meiner Frau, ihr Kämpfen um einen Arbeitsplatz und das Kümmern um unsere Kinder beeindruckt mich heute noch sehr.

R: Gibt es etwas, dass Sie als Ihr persönlich schlimmstes Ereignis bezeichnen würden?

M: Die schlimmste Situation für mich persönlich war, als ich dem Bankdirektor den Schlüssel von meinem LKW in die Hand legen musste. Da habe ich unglaublich gelitten. Meine Rolle als Ernährer und Familienoberhaupt war weg, ich hatte absolut keine Ahnung was jetzt kommen würde. Einige Zeit später habe ich dann meinen LKW mit dem neuen Besitzer, den ich auch kannte, gesehen. Auch dies hat mir noch einmal einen unglaublichen Stich gegeben.

R: Wie hat sich denn dieser Bekannte Ihnen gegenüber verhalten?

M: Wir haben uns nur kurz angesehen. Mir ist heiß und kalt geworden. Gesagt wurde nichts und er ist dann an mir vorbei gefahren.

R: Das hat Sie sehr verletzt.

M: Ja. Es gab aber auch andere, gute Begegnungen. Ich hatte einen ehemaligen, auch selbstständigen Kollegen mit seinem LKW getroffen. Der ist auf mich zugekommen, hat mir die Hand entgegen gestreckt und nur „das geht vorbei“ gesagt. Das hat mich unheimlich berührt und auch die Tränen in die Augen getrieben.

R: Ich weiß aus Erzählungen von Anderen, dass die meisten Menschen eher hilflos sind und nicht wissen, wie sie reagieren sollen.

M: Ja, viele Beziehungen haben sich verändert. Hilfe und Unterstützung, z.B. als wir Haus und Hof geräumt haben, haben wir von Menschen bekommen, die gar nicht so sehr zum engen Familien und Freundeskreis gehört hatten. Plötzlich waren Leute auf dem Hof, denen ich mal irgendwann geholfen hatte, und die haben mit angepackt. Andere, mit denen wir enger freundschaftlich verbunden waren, haben sich zurückgezogen und nie wieder blicken lassen. Uns selbst ist es aber auch schwer gefallen, Kontakte aktiv zu suchen. Irgendwie gab es wohl den Rückzug von uns und anderen.
Wir waren auch zunächst noch am überlegen, ob wir unser Haus irgendwie doch noch halten können. Dies erwies sich dann als nicht machbar und haben beschlossen, dem Bankdirektor auch die Schlüssel vom Haus abzugeben. Auch wenn dies für meine Frau und Kinder einer der schwersten Schritte war, für mich war es ein entscheidender Moment von neuer Selbstbestimmung. Die letzte finanzielle Belastung fiel weg, für mich ein befreiendes Gefühl und der Punkt für einen Neuanfang.

R: Gehört dieser Punkt also zu Ihrem Satz: Das Glück in die Hände fallen lassen?

M: Im Nachhinein schon. Auf der einen Seite haben wir das ja entschieden, auf der anderen Seite erwies sich das neue Haus, dass wir dann mieten konnten als wunderbar für uns geeignet.

R: An diesem Punkt gab es demnach endlich Entlastung für die ganze Familie?

M: Nicht ganz. Unserem Sohn fiel es besonders schwer diesen Ortswechsel mit zu gehen. Er hat einen großen Freundeskreis zurückgelassen und sich lange gegen den Aufbau eines neuen gesperrt.

R: Wie sind Sie als Vater damit umgegangen. Zu sehen, dass der Sohn sich zurück zieht und so leidet?

M: Die Kinder konnten sich immer auf mich verlassen. Ich blieb absolut verfügbar auch wenn sie ihren pubertären Mist veranstaltet haben. Wir hatten plötzlich Zeit miteinander und dort wo es nötig war habe ich sie unterstützt und Verantwortung übernommen.  Immer wenn es gebrannt hat, war ich für sie da. Und es war die Zeit der kleinen Aufmerksamkeiten. Das Familienband ist sehr stark geworden. Es gibt seitdem kein nebeneinander her mehr, sondern wirkliche Präsenz, zuhören und dasein.

R: Wie ging es dann für Sie weiter?

M: Meine Frau hat eine Arbeitsstelle gefunden. Das war für sie nicht einfach für andere zu arbeiten. Vorher hatte sie in unserer Firma das Büro gemacht und war ganz selbstständig.
Ich selbst habe über einen Bekannten, der wusste, dass eine Firma einen Fahrer sucht ein Stellenangebot bekommen für die gleiche Arbeit, die ich vorher als Selbstständiger gemacht hatte. Da habe ich natürlich sofort zugegriffen und wieder angefangen zu fahren.

R: Nach einem Jahr gab es bei Ihnen also wieder eine Alltagsstruktur mit geregelten Abläufen und Einkommen.

M: Das kann man so sagen. Trotzdem waren wir noch nicht am Ende der schwierigen Zeit angekommen. Im zweiten Jahr hat dann mein Körper total gestreikt. Ich hatte während der Arbeit einen Herzstillstand erlitten und ein riesen Glück, dass ich rechtzeitig gefunden und wiederbelebt wurde.

Der nächste Teil des Interview folgt. Wenn Sie Fragen zu diesem ersten Teil an Herrn M. oder an uns haben, nutzen Sie bitte den Bereich “Kommentar schreiben”. Wenn Sie direkt mit Herrn M. sprechen möchten, senden Sie uns eine e-mail, wir leiten Sie gerne weiter.

zu Anm. 1: Seit 01.01.1999 heißt es nach dem neuem Recht nicht mehr Konkurs- sondern Insolvenzverfahren

Autor.in >

brapp
Bärbel Rapp

Systemische Beraterin und Familientherapeutin (SG), Master Systemischer Coach (ECA)

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