12. März 2009
Pfarrerin Annette Bassler, evangelische Kirche Mainz, setzt sich in einem ihrer Beiträge für „Kirche im SWR” mit dem Scheitern und seinen Folgen auseinander. Sie plädiert dafür, hemmungslos zu scheitern, weil in jedem Scheitern ein Neuanfang liegt.
Hemmungslos scheitern. Wir müssen alle lernen, hemmungslos zu scheitern. Meint der Unternehmensberater Gerhard Scheucher und hat darüber ein Buch geschrieben. Also habe ich ihn angerufen und ihn gefragt, ob er ein gläubiger Mensch sei. Nicht unbedingt, meinte er. Warum?
Naja, sagte ich. Wenn jemand hemmungslos mit dem Scheitern umgeht, dann sind das doch wir Christen. Schließlich haben wir das Scheitern sogar in unserem Logo. Das Kreuz. Jesus ist am Kreuz gestorben. Schlimmer konnte man damals gar nicht scheitern.
Aber – wir glauben, dass sein Scheitern nur ein Durchgang war. Er ist auferstanden. Gott hat ihn aus dieser Hölle des Scheiterns wieder herausgeholt. Und seitdem können alle, die scheitern, sich an diesem Kreuz festhalten und darauf vertrauen: Es gibt ein Leben nach dem Scheitern. Gott lässt uns nicht allein.
Na klar, sagte Gerhard Scheucher, daran glaube ich auch, ein Leben nach dem Scheitern.
Also haben wir uns getroffen. Und er hat mir erzählt, wie man das macht. Hemmungslos scheitern. Also, gesetzt den Fall, Sie sind gerade an etwas gescheitert, einer Prüfung, einer Beziehung, was auch immer, dann gibt es 5 Schritte.
- 1. Fressen Sie die Sache auf keinen Fall in sich hinein, machen Sie Ihr Scheitern zum Thema.
- 2. Fragen Sie sich mit etwas Abstand: wie konnte es überhaupt dazu kommen?
- 3. Andere, die Sie kennen und mögen, wie die sich Ihr Scheitern erklären.
- 4. heraus, was Sie daraus lernen können.
- 5. einen neuen Anlauf. Geben Sie sich eine zweite Chance. Parole: nur nicht aufgeben!
Und fragen Sie
Und mit all dem finden Sie
Und mit diesem Wissen starten Sie
Ich muss zugeben, das hat mich überzeugt. Fünf einfache Schritte, die jeder versteht. Aber eins frage ich mich doch: Was mache ich, wenn die Hemmungen kommen und die Scham? Wenn ich den Mut verliere? Und Andere sagen: das wird nichts mehr mit dir?
Und da komme ich doch wieder auf unser christliches Logo zurück. Das Kreuz. An dem wir uns festhalten können. Und das uns sagt: Hab keine Angst. Gott ist da. Er wird dich nicht fallen lassen, dein Scheitern ist nur ein Durchgang zu einem anderen Leben. Eins, in dem du vielleicht sagen kannst: das mit dem Scheitern, das krieg ich jetzt hemmungslos auf die Reihe.
Autorin: Pfarrerin Annette Bassler, Mainz, Evangelische Kirche (Sendetext von Dienstag, 25. November 2008). Autorin von Anstöße / Morgengruß in RP / Begegnungen SWR 1 / Gedanken SWR 3


Kommentare >
Kommentar schreiben01.
Im Großen und Ganzen stimme ich den oben genannten Thesen zu. ABER: Wie kann man sagen, dass Gott einem dabei hilft? Steht er neben mir, wenn ich dem Gerichtsvollzieher erklären muss, dass ich diesen Monat die Rate nicht zahlen kann? Oder mir die Bank aufgrund meiner Vorgeschichte mein Girokonto kündigt? Wo ist Gott da?
Wenn ich Hilfe brauche, Zuwendung und emotionale Stütze, wieso sollte ich mich da an Gott wenden? Ich war vorher dafür verantwortlich, dass ich in diese Situation gekommen bin (da hat Gott mir auch nicht geholfen), warum sollte er mir dann jetzt helfen?
Mal ganz abgesehen davon, dass ich es gefährlich finde, eine Religion und nicht den Glauben als Unterstützung zu preisen (in diesem Fall die evangelische Kirche).
Ich finde die Thesen von Herrn Gerhard Scheucher sehr gut, aber sie mit Religion zu verknüpfen ist meines Erachtens ein Aufspringen der Kirche auf einen fahrenden Zug.
Sebastian
23. März 2009
02.
Der GLAUBE ist das A & O, um schwere Lebenssituationen meistern zu können. An erster Stelle steht hier für mich aber der GLAUBE an sich selbst (obwohl ich durchaus auch an den Gott glaube)!
Eine Insolvenz zieht eine Kette von Problemen nach sich, die man im Zweifel nicht alleine meistern kann. Oft entstehen fachliche Fragen – oft fällt man aber auch in ein Loch, weil man sich aus-gegrenzt fühlt oder auch tatsächlich ist.
Bisher war die Frage, wohin mit meinen Problemen? Und oft gab es keine Antwort darauf!
Dieser Verein – darin bin ich mir sicher – schließt eine große Lücke, kann AUFRICHTEN und helfen, den GLAUBEN an sich selbst nicht zu verlieren und neue Wege zu erkennen.
EIN BETROFFENER
26. März 2009
03.
Lieber Sebastian,
wir Autoren des Vereins Auf-Richtung e. V. freuen uns über Ihre rege Teilnahme an den Diskussionen auf unserer Blog-Seite. Zunächst möchte ich Ihnen herzlich für Ihre Beiträge danken.
Ihre Frage danach, wo Gott ist, wenn der Gerichtsvollzieher kommt, hat mich lange beschäftigt. Nun möchte ich aber den Versuch einer Antwort unternehmen: Ich weiß es nicht. Auch weiß ich nicht, wo Gott ist, wenn in Indonesien bei einem Tsunami 230.000 Menschen sterben. Keine Vorstellung habe ich, wo er ist, wenn in Mittelitalien, einer sehr schönen Region, nach aktuellen Informationen 235 Menschen nach einem Erdbeben sterben.
Die Reihe der Katastrophen läßt sich beliebig verlängern. Und jedes Mal die Antwort “Ich weiß es nicht”?
Das scheint nicht zufriedenstellend zu sein. Vielleicht aber hilft die Frage danach, wo uns Gott begegnet. Keiner von uns Menschen hat Gott je gesehen. Wir Christen glauben, dass Gott uns in Jesus von Nazareth begegnet ist. In den Evangelien wird darüber berichtet, dass Gott Mensch geworden ist in seinem Sohn Jesus Christus.
Ja, das ist lange her. Wir leben im 21. Jahrhundert. Aber dieser Jesus von Nazareth ist – so mein fester Glaube – den Menschen seiner Zeit in göttlicher Weise begegnet. Sein Auftrag an uns lautet für mich, meinen Mitmenschen auch in dem Glauben an Gott zu begegnen.
Wenn ich eine Katastrophe erlebe und scheitere, beispielsweise durch ein Insolvenzverfahren, so ist es nicht Gottes Aufgabe, das zu verhindern. Wenn ich dann ganz unten bin und nicht mehr weiter weiß, dann spricht ein Mensch zu mir. Dann kann ich Kraft schöpfen und Vertrauen darauf entwickeln, dass ich dieses Scheitern ertrage und es schaffe, wieder den Mut zum Weiterleben zu schöpfen. Dann begegnet mir Gott – in meinen Mitmenschen.
Gerne tausche ich mich mit Ihnen aus über diese Gedanken und grüße Sie ganz herzlich von Mensch zu Mensch.
Johann Coenen
Johann Coenen
8. April 2009
04.
Nun – eine rundum beamtenrechtlich versorgte Pfarrerin mit Oberstudienratsgehalt und Pensionsanspruch muss stets neu in die Lehre gehen, vor allem was das Scheitern angeht. Heinrich Albertz sagte einmal zu diesem Beruf: “Wenn man nicht goldene Löffel stiehlt, kann einem da doch gar nichts mehr passieren. Und genau das ist das Schlimme daran … ” Daher klar, dass man dort nur auf Züge aufspringen kann, weil man – im Unterschied zu jedem Schuldner – nicht unmittelbar zur Wirklichkeit steht. Man redet doch meist über etwas, was man selber nicht kennt.
Wer sich da etwas Wachheit bewahrt, ist schon gut dran. Was wirklich hilfreich am Scheitern ist, bleibt dennoch unklar. Der Glaube an mich als Person – also dass nicht ich Gott ansehen muss, sondern er mich ansieht – kann für jedes Selbstwertgefühl hilfreich sein. Unbestritten. Wichtiger ist und bleibt jedoch, eigene Erfahrungen mit anderen zu teilen und flüssig zu halten.
Und genau da werden dann Arbeitslosenzentren und -initiativen in letzter Zeit massiv abgebaut und finanziell nicht mehr unterstützt. Das geschieht auch von kirchlicher Seite. Dass ist der eigentliche Skandal. Was im Scheitern einer Arbeitsloseninitiative gut sein kann, mag ich wirklich nicht mehr erkennen.
Schlau immerhin gemacht, dass ich 40 Euro ausgeben muss, um aus der Kirche austreten zu können. Das ist zu viel Geld für mich. So bleibe ich dabei – gezwungenermaßen und scheiter grandios an meinem geplanten Kirchenaustritt.
Brigitte Bosenaar
27. April 2009
Kommentar schreiben >